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Cyber-Jugoslawien

Florian Rötzer   22.07.99

"Wir haben kein wirkliches Land, aber wir haben eine Nationalität"

Während gerade die Flüchtlinge wieder in den Kosovo einwandern und die Serben aus berechtigter Angst vor Rache aus der Krisenregion flüchten, befürchten manche schon den nächsten Exodus aus dem Balkan. Kofi Annan, der Generalsekretär UN, etwa beschwor kürzlich die Gefahr, daß jetzt die Serben massenweise aus dem von der NATO verwüsteten Land auswandern könnten, nachdem ein Großteil der Infrastruktur und damit auch der Arbeitsmöglichkeiten zerstört worden. Andere Jugoslawen haben bereits feste Auswanderungspläne, aber sie bedrohen nicht als Einwanderer die Festung Europa, sondern wollen in den Cyberspace ausziehen. Am 9.9.1999 soll Cyber-Jugoslawien gegründet werden, Bürger des neuen virtuellen Staats aber kann man bereits jetzt schon werden.

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"Wir haben unser Land 1991 verloren und sind Bürger von Atlantis geworden", schreiben die Gründer des virtuellen Staates. "Wir haben kein wirkliches Land, aber wir haben eine Nationalität." Man werde Pässe ausgeben und lasse eine doppelte oder sogar dreifache Staatsangehörigkeit zu. Jeder, der sich als Jugoslawe empfinde, könne Staatsbürger werden. Den Eiligen wird mitgeteilt, daß selbst ein virtueller Staat zum Wachsen Zeit brauche. Aber man hat bereits ein großes Ziel vor Augen: "Wenn wir fünf Millionen Staatsbürger haben, wollen wir bei der UN einen Antrag auf die Aufnahme als Mitglied einreichen. Wenn dies geschieht, werden wir um 20 Quadratmeter Grund irgendwo auf der Erde bitten. An diesem Ort werden wir unseren Server aufstellen."

Noch freilich hat Cyber-Jugoslawien erst 256 Staatsbürger (Stand: 21.7.99). Das Staatsgebiet ist 0 Quadratmeter groß, aber das "Land" befindet sich schon vor der offiziellen Gründung im Internet auf der Website [External Link] www.juga.com . Und es gibt auch bereits eine Verfassung, vorerst nur auf Serbo-Kroatisch und Englisch. Vorgesehen aber sind als offizielle Sprachen all jene, die von den Bürgern vorgeschlagen werden. Aber Vorsicht, den jeder Vorschlag zieht gleich eine Übersetzung nach sich, die von dem Vorschlagenden geleistet werden muß! Neben den beiden genannten sollen Griechisch, Italienisch, Mazedonisch, Slowenisch, Russisch, Französisch und Holländisch, aber auch, wie es sich für Cyberbürger gehört, C, C++, Visual Basic und Latein - eine Anleihe bei den Finnen? - zu den ersten Amtssprachen gehören.

Gerne gesehen werden natürlich Staatsbürger, die jene Fertigkeiten beherrschen, wie man sie in einem Cyberland so benötigt: "Es ist eine Ehre und ein Privileg für jeden Staatsbürger sowie dessen Recht, am Aufbau von Cyber-Jugoslawien mitzumachen, wenn er über Kenntnisse in HTML, Java, JavaScript, VBScript, IIS Filter, ASP Anwendungen oder in der Digitalisierung von Musik, Videos und Fotos verfügt."

Wie es sich für ein Cyberland gehört, wird es dort eine Cyberdemokratie geben, also alles durch direkte Abstimmung entschieden werden. Dazu gehören auch Veränderungen der Verfassung oder ein regelmäßiger Wechsel der Nationalhymne sowie der Nationalfahne. Um die Beteiligung an der res publica anzustacheln, ist jeder Bürger verpflichtet, mindestens einmal im Monat die Verfassung zu lesen, um Veränderungen mitzubekommen, jedes Jahr 50 Mal in www.juga.com hineinzuschauen und an mindestens einem Drittel der Abstimmungen über Anträge anderer Bürger teilzunehmen. Wer das nicht macht, könnte auf die Liste der "persona non grata" gelangen und vom Cyberland wieder ausgeschlossen werden. Regierung gibt es keine, denn jeder Bürger, der aufgenommen werden will, muß für sich ein Ministeramt kreieren: "Alle Bürger sind gleichberechtigte Minister." Das Finden von geeigneten Ministerien ist eine Sache der Phantasie. Höchste Rechtsgewalt geht vom Verfassungsgericht aus. Dessen neun Mitglieder können wieder abgewählt werden.

Grundlage des virtuellen Staates aber ist ein ominöser "Algorithmus des Sozialen Systems", dessen Code selbstverständlich in einer Cybergesellschaft open source ist, damit ihn jeder Bürger verbessern kann. Zu diesem Algorithmus gehört das Wahlverfahren, mit dem demokratische Mehrheitsentscheidungen getroffen werden, aber auch überprüft wird, ob die Bürger ihren Pflichten hinreichend nachgekommen sind.