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Cyber-Jugoslawien
Die unendlichen Weiten des Cyber-Space bieten
genügend Raum für versunkene Welten. Anfang September konstituierte sich im
Internet die virtuelle Auferstehung des 1991 faktisch zerfallenen Jugoslawiens.
Jetzt trachtet die Regierung schon nach einer Aufnahme in die UNO.
Cyber Yugoslavia zählt als interaktives Atlantis ohne Landesfläche derzeit 4864 eingetragene "Bürger" aus 93 Ländern und erlaubt seinen Bewohnern die doppelte und dreifache Staatsbürgerschaft. Täglich gibt es 650 neue Anträge auf Einbürgerung. Jeder ist willkommen, CY wird zum liberalsten Einwanderungsland der Welt, Internet-Zugang vorausgesetzt. Derzeit jedoch stammen die meisten Staatsangehörigen aus Serbien, Montenegro und Nordamerika.
Im neuen Staat gibt es keinen Präsidenten oder König, alle Bürger sind "Minister". Gemäss dem "Algorithmus der Sozialordnung" als höchster Instanz in CY bekommt jeder Staatsbürger einen Posten nach Wunsch. Die Ressorts richten sich nach den Vorlieben ihrer Inhaber. So gibt es das Ministerium für streunende Katzen ebenso wie das für Sonnenuntergänge und Speed Metal.
Die Verfassung von CY ist variabel und kann von jedem geändert werden. Im Gegensatz zum alten Jugoslawien erweist sich die Online-Version als recht kosmopolitisch. Jede vorgeschlagene Sprache wird dabei im ersten wahren "Multi Kulti-Staat" als offizielle Staatssprache anerkannt.
Sobald die Einwohnerzahl die fünf Millionen-Grenze erreicht hat, soll die Aufnahme in die UNO beantragt werden. 20 Quadratmeter Staatsteritorium irgendwo auf dem Planeten werden dann als Server-Standort auserkoren.
Die Hymne von Cyber-Jugoslawien wechselt übrigens per Zufallsgenerator, der
auf einen Pool von demokratische gewählten Vorschlägen auswählt. Ist dieser
leer, reagiert die Software rebellisch und sucht sich wahllos einen Titel aus
dem Internet, ob dieser nun "Let There Be Rock" oder "Another One
Bites The Dust" heisst.